Angelegenheiten der Menschheit stehen über nationaler Souveränität

 

In seinem 1945 in New York erschienen und nachfolgend in 18 Sprachen übersetztem Buch „Die Anatomie des Friedens“ widmete sich der US-amerikanische Journalist Emery Reves dem Problem der nationalen Souveränität. Seine oft radikal vorgetragene Generalaussage lautete, dass die Überlegenheit der uneingeschränkten Souveränität der Nationalstaaten über Menschenrechte und jeden anderen Wert die größte Bedrohung von Frieden, Freiheit und Sicherheit darstellt.

Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Die Möglichkeit, dass jeder Staat das Recht besitzt, in seinem eigenen Interesse das zu tun, was er alleine für richtig hält, bedroht den Weltfrieden permanent. Direkte Bedrohung geht dabei von hochgerüsteten Nationen aus, die eine aggressive Außenpolitik betreiben. Menschen verachtende Machthaber verschanzen sich hinter der Souveränität ihrer Länder. So manches Volk träumt von alter Größe, von nationaler Identität und Nationalstolz, wählt dafür ein autoritäres Regime oder nimmt sogar die Diktatur in Kauf. Nationalisten wollen ihr Land zurück, Separatisten fantasieren von der Unabhängigkeit ihrer Provinz.

 

Das ist alles irrational. Unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts kann niemand, kein Dorf, keine Stadt, kein Land unabhängig sein, denn die Welt ist heute ein unauflösbares Geflecht von Abhängigkeiten. Die globalen Probleme zeigen uns das deutlich. Die Staaten können sie nur in einer umfassenden Kooperation bewältigen. Die Menschheit muss deshalb eine politische Einheit mit klaren Regeln werden. Dabei müssen die Nationalstaaten nicht verschwinden. Ihre kulturellen Eigenarten bleiben unberührt. Sie sollen von ihrer Souveränität auch nur so viel an die Weltgemeinschaft abgeben, wie für die gemeinsamen  Aufgaben erforderlich.

 

Die Angelegenheiten der Menschheit sind offenkundig

Die aktuell größte Herausforderung für die Menschheit ist der Klimawandel. Wissenschaftler warnen seit einem halben Jahrhundert davor, heute wird er konkret spürbar. Durch die Protestbewegung „Fridays for Future“ scheint das Thema inzwischen bei der Politik angekommen zu sein. Es bleibt jedoch weiterhin zweifelhaft, ob die auf eigene Interessen ausgerichtete Politik der Nationalstaaten es schaffen wird, das Problem in den Griff zu bekommen, ganz zu schweigen von den zu erwartenden desaströsen Auswirkungen. Es ist eine Angelegenheit der Menschheit, dafür kompetente übernationale Institutionen zu schaffen.

Zusammen mit nicht weniger gefährlichen Konfliktursachen wird der Klimawandel die Chancen für den Weltfrieden in den nächsten Jahrzehnten dramatisch verringern. Einen dritten Weltkrieg zu verhindern ist die wichtigste Angelegenheit der Menschheit. Dafür muss weltweit abgerüstet und alle Massenvernichtungswaffen müssen unter die Kontrolle der UNO gebracht werden. Der Schutz vor Krieg darf nicht weiter Gegenstand nationaler Souveränität bleiben, sondern muss unter das Gewaltmonopol der Vereinten Nationen gestellt werden. Die UNO muss in die Lage versetzt werden, aufkommende zwischenstaatliche Aggressionen nach festen Regeln schnell und effektiv zu unterbinden, so dass kein Nationalstaat mehr einen Grund hat, sich zur Selbstverteidigung zu rüsten und eigenes Militär zu unterhalten.

 

Es ist die dringende Angelegenheit der Menschheit, ein weltweites, solidarisches Sozialsystem zu schaffen. Die durch die globalen Probleme sich vermehrenden Nachteile für einen Großteil der Menschheit müssen gerecht ausgeglichen werden. Es geht ums Überleben. Nur so lassen sich Verteilungskämpfe und Kriege um Nahrung, Wasser und andere Ressourcen verhindern. Menschen, die wegen des Klimawandels oder anderer Katastrophen ihre Heimat verlassen müssen, brauchen Hilfe und Solidarität bei der Umsiedlung in andere Länder. Sie brauchen eine neue Heimat. Die Nationalstaaten werden damit überfordert sein. Das schafft nur eine gut organisierte Weltgemeinschaft.

 

Will die Menschheit langfristig überleben und nicht – wie viele Spezies, welche die Erde in der Vergangenheit bewohnten – irgendwann aussterben, muss sie in den Weltraum expandieren. Das ist keine Eroberung, denn in dem für uns für unabsehbare Zeit erreichbaren Weltall ist kein Konkurrent in Sicht, den man besiegen müsste. Der einzige Sieg, der errungen werden muss, ist der Sieg über unsere eigene menschliche Dummheit. Die Weltraumfahrt ist deshalb eine Angelegenheit der Menschheit, weil wir damit unseren Planeten entlasten und gleichzeitig schützen können, und sie ist ein starker Antrieb für die friedliche Vereinigung der Menschheit durch umfassende Kooperation.

 

Für das Überleben in einer besseren Zukunft bedarf es der politischen Vereinigung der Welt. Diese muss möglichst demokratisch, gerecht und friedlich erfolgen. Dafür werden alle Menschen guten Willens, alle Weltbürger gebraucht. Beginnen wir damit jetzt! Wenn nicht jetzt, wann sonst?

Die größte Angelegenheit der Menschheit ist ihre Zukunft.